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Forschung

Internationalisierungsprozesse der Europäischen Ethnologie im Kontext des Kalten Krieges von 1945 bis 1970

Förderinstitution: Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG)
Projektlaufzeit: 1. August 2015 - 31. Juli 2018
Projektleitung: Prof. Dr. Friedemann Schmoll
Wiss. Mitarbeiterin: Dr. Anita Bagus


Wie funktionierte eigentlich in einer Disziplin, die wie die Volkskunde lange vor allem als Agentur der nationalen Selbstdeutung verstanden wurde, der internationale Transfer von Ideen, Theorien und Methoden, kurzum das, was Georg Schreiber als den "internationalen Fernverkehr des Geistes" (1930) verstand? Die Historiographie der volkskundlich-folkloristischen bzw. ethnologisch-kulturanthropologischen Disziplinen in Europa blieb bislang weitgehend ein primär nationaler Forschungsbereich; die Geschichte der Fächer wird in der Regel als nationale Geschichte geschrieben. Als Desiderate in der Fachgeschichtsschreibung einer mittlerweile international offenen Europäischen Ethnologie erweisen sich deshalb zwei konvergierende Aspekte: Zum einen führt die Konzentration auf die nationale Genese des Faches zur weitgehenden Ausblendung transnationaler Forschungsverflechtungen und gemeinsamer internationaler Entwicklungsprozesse ethnographischer Disziplinen in Europa. Zum anderen verdeckt der nationale Fokus die nachhaltige Wirkung des Kalten Krieges als eminent einflussreicher politischer Kontext auf die internationale Entwicklung der Disziplin nach 1945. Diese Forschungslücke steht im Fokus des Forschungsprojektes.

Das Projekt zielt darauf ab, inner- und außenwissenschaftliche Faktoren und Bedingungen rezenter Transformationsprozesse der Nachkriegszeit, das Zusammenwirken von nationalen und transnationalen Traditionen, Diskontinuitäten und Neuformationen unter den Rahmenbedingungen des Kalten Krieges zu untersuchen und die Langzeitwirkungen der Systemkonkurrenzen auf die Konstituierung des Faches zu analysieren. Was gab es an Trennendem und Verbindendem, Differenzen und Übereinstimmungen? Die deutsch-deutsche Volkskunde war nach 1945 die Schnittstelle der Systemkonkurrenz in den volkskundlich-ethnologischen Disziplinen. Die Untersuchung der deutsch-deutschen Wissenschaftsentwicklung bedarf mithin einer internationalen Verortung und verspricht maßgebliche Erkenntnisse über das Zusammenwirken von nationalen und internationalen Determinanten in den Internationalisierungsprozessen der Europäischen Ethnologie auf ihrem Weg zu einer modernen, alltagsorientierten Kulturwissenschaft. Die Untersuchung zielt darauf ab, Einflüsse des inhaltlich-theoretischen Ost-West-Bias auf die transnationalen Aktivitäten der Europäischen Ethnologie zur Standardisierung und Theoriebildung ebenso wie auf Wissens- und Forschungstransfers transparent zu machen. Dabei gilt es, die Dichotomie zwischen westlichen und östlichen Orientierungen ebenso wie disziplinär konkurrierender Konzepte detailliert in den Blick zu nehmen. Parallel zu wissenschaftstheoretischen Dimensionen werden gesellschafts- und hochschulpolitische Determinierungen in den konkreten Praxen der Wissensproduktion im Zusammenspiel von Netzwerks-, Organisations- und Institutsebenen untersucht. Mit der Freilegung rezenter Strukturen der transnationalen Wissensgenerierung in der Europäischen Ethnologie lassen sich mit dem wissenschaftshistorischen Erkenntnisgewinn neue Ansätze für die zukünftige internationale Zusammenarbeit entwickeln.


Kontakt:

Dr. Anita Bagus
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Institut für Kunst- und Kulturwissenschaften
Lehrstuhl für Volkskunde (Empirische Kulturwissenschaft)
Zwätzengasse 3
07743 Jena

Tel.: 03641 94 43 90 (Sekretariat)

Büro: Bachstraße 18k, R 302
Tel.: 03641 94 50 63
Mobil: 0160 96 27 18 67

E-Mail: anita.bagus@uni-Jena.de